Berlin – Tag 3
Dienstag, Februar 20th, 2007Nach einer kurzen Verzögerung folgt jetzt endlich die Fortsetzung und der letzte Tag unsere Berlinaufenthalts. Durch meinem Umzug hat sich das Ganze leider doch etwas verschoben.
Sonntags wollten wir noch einmal ein wenig deutsche Geschichte studieren, diesmal insbesondere die der Grenze innerhalb von Berlin. Aufgrund der recht hohen Eintrittspreise und einer eher populistischen Aufmachung schreckte uns das Museum am Checkpoint Charlie eher ab, hatte ich doch zwei Tage vorher noch von einer recht neuen Gedenkstätte in der Bernauer Straße gelesen. Nachdem wir während des Frühstücks mit Josef gesprochen hatten, war dieser von der Idee anscheinend recht angetan, jedenfalls erklärte er sich bereit, uns wieder einmal mit dem Auto mitzunehmen und mit uns die Gedenkstätte zu besichtigten.
Im Anschluss ans Frühstück brachen wir auf. Natürlich nicht ohne auf dem Hinweg einen kleinen Schlenker zu machen! Erster Halt an diesem Tag war das Invalidenhaus und der Invalidenfriedhof. Diese wurden von der preußischen Armee errichtet, um den ausgedienten Soldaten, einen vernünftigen Lebensabend gewährleisten zu können. Darüber hinaus wurden diese dann auf dem anliegenden Friedhof beigesetzt. Später entwickelte sich das Beisetzen auf dem Invalidenfriedhof als hohe Anerkennung an die Soldaten, so dass sich viele Gräber hoher preußischer Offiziere und Generäle (z.B. von Scharnhorst) finden lassen. Die kleineren Gräber liegen dicht an dicht und offenbaren die hohe Anzahl der Soldaten, die hier wohl begraben wurden. Leider blieb der hintere Teil des Friedhofes nicht von der DDR verschont. Da dieser direkt an der Spree liegt, die hier die Grenze bildete, musste ein Teil dem Todesstreifen weichen. So steht auf dem Friedhof auch heute noch ein Teil der inneren Mauer. Auch an den mauerfreien Stellen erkennt man deutlich die klare Linie zwischen erhaltenen Gräbern und geschliffenen Boden. An der flussseitigen Friedhofsmauer sind Gedenktafeln angebracht: Ironischerweise wurde das erste Maueropfer bei seiner Flucht über einen Friedhof erschossen. Innerhalb einer Wohnanlage, die sich an den Invalidenfriedhof anschließt, steht noch ein alter Wachturm des Todesstreifens. Dieser steht tatsächlich direkt zwischen einigen Häusern, der Bruder des ersten Mauertoten hat wohl beim Erhalt auch eine wesentliche Rolle gespielt. Meiner Ansicht nach ein glücklicher Umstand, wurde doch schon genug von der Grenze innerhalb Berlins abgerissen und somit ein großer Teil jüngerer deutscher Geschichte.
Kurz vor der Bernauer Straße machten wir in den Liesenstraße halt, entlang dieser Straße verlief ebenfalls die Mauer. Über fast die gesamte Länge erstreckt sich auf der östlichen Seite ein Friedhof, die Linie der ehemaligen Friedhofsmauer bildete die Linie der Berliner Mauer. So wurden auch hier viele Meter Friedhof geschliffen, um den Todesstreifen zu schaffen. Einige Teile der inneren Mauer sind auf dem Friedhof noch erhalten, von der eigentlich äußeren nur noch wenige Meter unauffällig am Straßenende. An Stellen wie dieser zeigt sich das blinde Handeln des Staates, der nur darauf bedacht war, seine Bürger und Devisen im Land zu halten und die Kultur anderer nicht im Geringsten zu würdigen wusste. Beim Schlendern über den Friedhof entdeckt man viele unheimlich schöne und alte Grabmale, wie auch eine klare Trennung des Friedhofes durch die verschiedenen Gemeinden. Jede hatte ihren eigenen Eingang. Die Trennung zeichnet sich deutlich auf dem Friedhof ab und es erscheint einem doch kurios, dass man an solchen Stellen im Prinzip eine doppelte Trennung vorfindet. Neben der Trennung Berlins, zerschneiden auch die Gemeinden ihren Friedhof in eigene Teile, statt die Toten gemeinsam beizusetzen. Trotz der starken Eindrücke der jüngsten Geschichte, ist der Zweite Weltkrieg weiterhin nicht zu übersehen, sind doch zahlreiche Grabmale von Projektilen und Granaten gezeichnet. In den letzten Stunden des Dritten Reiches scheinen Grabsteine als stabile Deckung beliebt gewesen zu sein. Im hintersten Teil des Friedhofes findet sich ein Massengrab, in dem zivile Opfer des Krieges begraben sind. Für jeden ist ein Grabstein im Boden eingelassen. Hier wird einem die immense Zahl an Opfern wieder bewusst, die in den letzten Stunden noch immer anstieg.
Auf dem letzten Zwischenstück unterquerten wir am Ende der Liesenstraße die S-Bahn-Strecke. Dort steht nicht nur eine neue Brücke, sondern direkt daneben auch eine alter Brücke der Nordbahn. Diese wurde nach dem Mauerbau stillgelegt, da sie exakt an dieser Stelle die Grenze überquerte. die Schienen wurden zurückgebaut und nur die Brücke zurückgelassen. Nach der Wende konnte die Konstruktion nicht weiterverwendet werden, da sie schon zu sehr gelitten hatte, also wurde direkt daneben eine neue errichtet, um die alte Trasse weiternutzen zu können. Biegt man hinter der Brücke rechts ab fährt man die Gartenstraße entlang, auf der rechten Seite ist eine ehemalige Bahnhofsmauer, die von der DDR einfach zu richtigen Grenzmauer umgebaut wurde. Der dahinter liegende Bahnhof wurde dem Erdboden gleichgemacht um wieder eine ausreichend gute Sicht auf den Grenzbereich zu haben. Heute wurde die Mauer zum Teil bereits wieder restauriert, der hintere Bereich der Anlage wurde zu Beachvolleyballplätzen umfunktioniert.
Von der Gartenstraße biegt man links in die bekannte Bernauer Straße ein. Dort wurde eine Gedenkstätte errichtet. Diese umfasst ein Stück wiederhergestellten Todesstreifen mit beiden Mauern und ein Gebäude inklusive Aussichtsturm. Vom Turm aus kann man von oben in das Stück Todesstreifen blicken, aber auch die Bernauer Straße entlang, die vom ehemaligen Todesstreifen noch deutlich gekennzeichnet ist. Der Großteil des Streifens ist heute mit Gras bewachsen. So erhält man einen guten Eindruck von der abschreckenden Mauer. Im Dokumentationszentrum bekommt man viel Originalmaterial ohne jegliche Bewertung dargestellt. Dies umfasst Zeitzeugenberichte, eine Fotodokumentation, eine Filmdokumentation, Radiomitschnitte, Dokumente des MfS und der Partei und Zeitungsberichte, allesamt aus dem Tagen des Mauerbaus. Die Ausstellung ist sehr sehr interessant, aber man müsste wohl ein zweites Mal vorbeisehen, um den Rest der Informationen aufnehmen zu können. Für einen Tag ist es schlichtweg zuviel auf einmal. Im Erdgeschoss des Gebäudes findet sich noch ein umfangreicher Laden, in dem auch Literatur zum Thema zu erwerben ist. Folgt man der Straße wenige Meter nach Norden kommt man zur Versöhnungskapelle. Diese wurde auf den Grundmauern der Versöhnungskirche errichtet, die zu besseren Einsicht in den Todesstreifen noch 1985 gesprengt wurde. Der Altarraum der Kapelle ist aus Lehm gebaut und von einem Dach aus Holz geschützt. Im Inneren findet sich der alte Altaraufsatz aus der Kirche wieder, das einzige erhaltene Stück Innenausstattung. Vor diesem kann man durch ein Stück gläsernen Boden hinab auf die alten Fundamente und den Kellereingang der alten Kirche sehen. In dem alten Eingang sind sogar Steine der Mauer zu sehen, mit denen dieser zugemauert wurde. So ist die neue Kapelle mit der alten Kirche verbunden und bildet eine Einheit. Ebenfalls im Altarraum gibt es erfreulicherweise kostenloses Infomaterial zur Kapelle und zum Bau. Dies ermöglicht einem einen noch etwas tieferen Einstieg in die Thematik, wenn die ersten Eindrücke etwas gesackt sind. Im Nachhinein ist das etwas, was man an anderen Stellen vermissen könnte, auch wenn diese Art der Information sicherlich nicht ganz preiswert ist.
Auf dem Rückweg nach Hause fuhren wir noch an zwei Häusern vorbei, die von brasilianischen Fußballfans während der WM 2006 gestaltet wurden. Es sind sehr aufwändig gestaltete Graffitis, die einem durchaus die Freude der Brasilianer an ihrer Mannschaft Nahe bringen. Die Spitze der vielen interessanten Graffitis in Berlin, die es dort zu bestaunen gibt. Ein letzter Punkt sollte noch erwähnt werden: Josef zeigte uns einen Hauseingang, der mit Geschlechtsumwandlungen warb, ein besetztes Haus. Auch wenn es bald der Staatsgewalt weichen wird, ein amüsanter Abschluss unserer Berlintour. Die Tür wird wie alles andere Sehenswerte noch in der Fotogalerie erscheinen, die bald folgt.
Am späten Nachmittag fuhren wir wieder mit dem ICE in Richtung Köln.

